Hier lade ich Sie herzlichst dazu ein, an meiner persönlichen Reise teilzuhaben! 

Viel Vergnügen beim Lesen!

Vom Elternwerden per Telefon bis zur Rückkehr nach Hause

 

Freitag, der 13. September 2019 

 

Ich bin im Haus meiner Mutter, die gerade auf Urlaub ist. Mit einer Hand füttere ich ihre Katze. Mit der anderen Hand heb ich nun doch mal das Telefon ab, immerhin hatte ich schon beim Aussteigen aus dem Auto ein paar verpasste Anrufe gehabt. Ich realisiere noch irgendwie, dass es die Adoptionsstelle der Landesregierung ist und denke noch, ah, die haben mein Schreiben erhalten, das ich aufgrund einer Einkommensänderung geschickt hatte. Schnell ändern sich meine Gedanken, als die Stimme am anderen Ende sagt: „Na, zum Glück erreiche ich Sie endlich. Sitzen Sie eh?“ Plumps, ich lasse mich in den nächstbesten Sessel fallen und mit Tränen in den Augen - und wohl auch in der Stimme -  flüstere ich mehr als ich frage: „ Ist es denn soweit?“ „Ja, es ist soweit“, „Nein!“ „Doch“ – die zwei Worte fallen dann wohl noch einige Male, bis ich schließlich halbwegs aufnahmefähig bin. Ein Mädchen. 2,5 Jahre alt. Wir bekommen den Kindesvorschlag geschickt. Aber ohne Fotos. Die dürfen wir dann erst sehen, wenn wir zusagen. Wir sollen uns melden. Wir vereinbaren einen Termin für Montag. Meinem Mann möchte ich es selbst sagen.

Kurz nach dem Anruf meldet er sich und meint, die Stelle der Landesregierung hätte versucht, ihn zu erreichen. „Ach das hat sich erledigt, es ging um meine Einkommensänderung“, schwindle ich. Am Abend gibt es dann ein thailändisches Essen und nachträglich zu seinem Geburtstag ein Geschenk, das zu spät eingetroffen war. Ein Glas Sekt dazu. Und ein: „Übrigens, es ging doch nicht ums Einkommen beim Telefonat mit der Behörde.“ Ein langer Blick. Tränen und Umarmung. Wir werden Eltern. Eltern eines kleinen Mädchens, das bereits auf uns wartet, dessen Bild wir am Montag zum ersten Mal sehen werden.

 


4. Oktober 2019

 

Mir grummelt es im Magen. Wenn ich meinen Mann so ansehe, dann glaube ich, dass es ihm genauso geht. Die Hochhäuser von Bangkok ziehen an uns vorbei. Es geht überraschend zügig voran. Bereits das zweite Mal fahren wir diese Strecke. Diesmal um unsere Tochter mitzunehmen. Gestern, um sie das erste Mal kennenzulernen. Der Fahrer wird auf uns warten. 

Hoffentlich brüllt die kleine Maus nicht wieder ohne Pause. Wie stark ihr Wille doch ist! Das wussten wir sofort, als wir das erste Mal ein Foto von ihr sahen, damals vor nicht mal drei Wochen, im Amt der Landesregierung Niederösterreichs. Gestern war es dann soweit. Wir lernten sie kennen. Der erste Eindruck? Fassungslosigkeit. Vor Freude. Vor Erstaunen. Dieses süße Mädchen, dem gerade ein Haarreifen in die Haare gesteckt wird und das da an der Hand einer Nanny zu uns gebracht wird, kann doch nicht sie sein. Dieses Kind ist doch ganz anders als auf dem Foto! Aber doch, das ist unsere Tochter! Zuckersüß, ein bisschen pummelig sogar, Lockerln und fast schwarze Augen. Die Nanny schnappt sich die erste verfügbare Hand – die meines Mannes – und reicht sie ihr. An der einen Seite der frisch gebackene Papa, an der anderen die Nanny. Hm, zumindest Gelegenheit für mich, einen Schnappschuss von diesem Augenblick zu machen. Dann werden wir zu einem separaten Haus geführt, in dem es ausreichend Platz und Spielzeug gibt. Auch wir haben etwas mit. Die Kleine sitzt neben den Nannys und spielt, sieht uns neugierig an und rückt auffallend weit zurück, sobald wir ihr näherkommen. Die Nannys nehmen ihre Hände und unsere, legen sie ineinander und wiederholen immer wieder „Mama, Papa" , langsam und sehr betont ausgesprochen. Es wirkt skurril. Wie soll das verschüchterte Mädchen hier denn einfach so zu uns Mama und Papa sagen oder uns als solche anerkennen? Sie kennt doch „Mama, Papa“ gar nicht, weder als Wörter noch als das, was die Begriffe bedeuten.

Ich habe nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn die Nannys springen plötzlich auf, lächeln uns an und sagen, dass sie uns nun alleine lassen. Vor dem Mittagessen würde man sie dann holen. Aha. Gut. Kaum sind die Nannys außer Sichtweite, setzt Panik bei dem Mädchen ein. Sie brüllt ohne Ende, dicke Tränen laufen ihre Wangen herab. Wir nehmen sie abwechselnd hoch, singen ihr etwas vor und bemerken rasch, dass es absurd wirkt, hier deutsche Lieder zu singen und dass wir eigentlich gar nicht sehr viele kennen. Wir versuchen sie abzulenken, mit allem, was uns Grünschnabeln in so einer Situation einfällt. Nichts wirkt. Eines fällt uns beiden auf: sie hört nicht auf, zu winken. Permanent winkt sie uns und schluchzt etwas, das sich später als „byebye“ rausstellen sollte. Das einzige englische und überhaupt eines der wenigen Wörter, die sie zu dem Zeitpunkt beherrscht. Irgendwann kommen die Nannys zurück. Sie sehen, wie fertig wir alle sind. Sie sagen uns, das sei normal. Morgen wird es vielleicht besser und wenn nicht, dann macht das auch nichts. Spätestens im Auto würde sie dann schon aufhören.

Das war also gestern. Nun ist „morgen“. Tag der Abholung. Und ja, dasselbe nochmal. Unsere Tochter sieht uns schon von weitem und ist von Panik erfüllt. Die Nannys arrangieren daraufhin alles im Eiltempo. Ja, natürlich dürften wir noch schnell Fotos machen. Ja, das ist ihre Milch, zwei Windeln dazu. Nein, sie hat sonst nichts. Kein Kuscheltier, nichts von ihrer leiblichen Mutter. Das, was sie anhat. Sonst nichts. Ach ja, das Fotoalbum, das wir vorab hingeschickt hatten und das einige Tage vor uns angekommen ist, das würde noch schnell geholt und uns übergeben werden. Fotos von früher? Wenige, und diese nur wenige Wochen zuvor aufgenommen.

Ab ins Auto, dann beruhigt sie sich schon, heißt es.

Wir sitzen im Auto und fahren los. Irgendwann reicht uns der Taxifahrer sein Handy mit thailändischen Kinderliedern und Videos. Darauf hätten wir auch kommen können. Sie beruhigt sich und schläft ein.

Kaum steigen wir aus, erkundet sie das Apartment, isst mit vorbildlichen Manieren, wie wir es nie wieder erleben sollten, das Mittagessen mit uns, macht ein Schläfchen, erkundet weiter alles und ist einfach bei uns. Ja, wir sind zu dritt. Ab jetzt sind wir eine Familie. Wir können es nicht fassen. 

 

 

5. Oktober 2019 

 

Ich werde angestarrt, das spüre ich und werde davon wach. Große Augen – nicht ängstlich, nicht staunend, einfach nur groß und mit einer Bestimmtheit im Blick – starren mich an und reißen mich aus unserer ersten Nacht zu dritt. 

Wir sind in einem wunderschönen Dachgeschoß-Apartment in Bangkok, ein großes, geräumiges Zimmer mit riesigen Fenstern, Bad/WC von innen zugänglich, die kleine Küche ist über die rund ums Zimmer verlaufende Dachterrasse in wenigen Schritten erreichbar.

„Sie ist wach, schnell, sie ist schon wach“, ich tippe meinem Mann auf die Schulter und wende den Blick nicht ab von unserer Tochter, die – das merk ich jetzt – mich nicht nur anstarrt, sondern in ihrem Gitterbettchen, das neben meiner Bettseite aufgestellt ist, steht und mit ausgestrecktem Arm und Fingern aufs Badezimmer zeigt. Marschbefehl, ganz klar, da gibt´s nicht zu zweifeln dran. 

„Ja, guten Morgen, Mausi“, entkommt es uns und ich möchte sie liebevoll hochheben. Ihre Körpersprache ist aber eindeutig. Marsch, ab ins Bad, wickeln, sonst ist nichts erwünscht. 

Kaum war das erledigt, klarer Marschbefehl – Fingerzeig in die Küche. Milch also. Wir wissen rasch, wer den Ton hier vorgibt. Ganz ohne Worte, ganz ohne Gebrüll, nur mit Gestik.

Die ersten Milchpackungen - ein Fläschchen braucht sie nicht mehr - sind aus dem Heim mitgekommen und werden im Laufe des ersten Tages im Supermarkt gesucht, genauso wie alles andere, das sie laut Nannys gewohnt ist zu essen. 

Rasch stellt sich aber heraus, dass ihr das egal ist. Im Gegenteil, lieber alles, was neu ist, erkunden und ausprobieren, egal worum es sich handelt.

So stehen wir an jenem 5. Oktober um halb sechs morgens da, unser Kind gewickelt und gefüttert und beobachten sie dabei, wie sie die Fernbedienungen, die herumliegen, erkundet und so ziemlich alles, was es anzugreifen und zu entdecken gibt, in die Hände nimmt. 

Es ist unser erster Morgen zu dritt. Und er wird sich in ähnlicher Form noch einige Male wiederholen. Die Abende jedoch – so hoffen wir – werden etwas anders verlaufen als der erste.

Fix und fertig, von purer Panik ergriffen, sucht sich unsere kleine Tochter, gerade mal 2 Jahre und 7 Monate alt, einen besonderen Zufluchtsort: ein schmaler Spalt zwischen Nachtkästchen und Bett (nicht verrückbar), mit Besen und Schaufel in der Hand versucht sie dort sauberzumachen, zur Ablenkung aller Aufregung wohl, bis sie damit in der Hand in diesem Spalt irgendwann vor Erschöpfung einschläft. Alles singen, lesen, spielen funktioniert nicht. Was für ein herzzerreißender Anblick. An den Füßen zieh ich also meine kleine Tochter aus dem Spalt raus und hebe sie in ihr Bettchen. Sie schläft durch, bis zu besagtem Moment am nächsten Morgen. Ihr Zähneknirschen können wir aber bis auf die Terrasse hören, wo wir noch kurz den Tag Revue passieren lassen, bevor wir selbst erschöpft in einen traumlosen Schlaf in unserer ersten Nacht zu dritt fallen.

 

14. Oktober 2019

Koffer packen. Aufbruch mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Immerhin ist dies unser erstes gemeinsames Zuhause zu dritt. Hier haben wir das erste Mal rund um den Couchtisch fangen gespielt, sie in die Luft gewirbelt, gemeinsam gemalt und gespielt und waren dabei überglücklich. Hier gab es das erste gemeinsame Mittagessen, das erste Windel wechseln, die ersten Fußstapfen in den gemeinsamen Alltag zu dritt. Aber es wird Zeit für ein paar Tage Frischluft am Meer. Und vielleicht ist das auch eine Chance, sich noch näher zu kommen. Im Wasser planschen, Sand spielen, ein paar kleine Tempel erkunden. Genauso wie wir einen Park nach dem anderen während der Zeit in Bangkok abgeklappert haben. Mit dem Taxi immer von A nach B. Immer auf Papas Schoß und widerwillig in Mamas Trage. Mama wird nicht so gern angesehen. Auch nicht beim offiziellen Board Meeting, das sie in ihrem zuckerrosa Kleid gut überstanden hat und bei dem Mama ihr nicht zu nahe kommen durfte. Nur Papas Hand war wichtig. Immer und überall. Vielleicht ändert sich das am Meer? 

 

24. Oktober 2019 

 

„Ich hab Angst, dass sie kollabiert, wenn sie nicht bald aufhört zu brüllen, was sollen wir tun?“. Wir schauen uns ratlos an. Ich bring sie unter die Dusche und kühle sie ab. Mir fällt nichts mehr ein. Sie ist schweißgebadet. Wir auch. Es gibt in dieser Unterkunft keine Klimaanlage. Sie brüllt seit zwei Stunden hysterisch. Das Wasser hilft. Kurz danach schläft sie erschöpft ein.

Dabei war es doch schon ein klein wenig besser mit dem Einschlafen. Und ein klitzekleines Stück besser mit Mama. Die Tage am Meer haben uns allen gut getan, aber nun sind wir zwecks Visum-Abholung und Rückflug nochmals für zwei Nächte zurück in Bangkok, diesmal in einer anderen Unterkunft. Das kann ja heiter werden. Wenn dieser Ortswechsel zu viel ist, was passiert dann erst am Flug und in Österreich?

 

 

26. Oktober 2019

Die Rückkehr nach Hause: problemlos. Total problemlos. Viel zu aufregend waren der Flughafen und der Flug, als dass es Probleme gegeben hätte. Und müde waren wir schließlich auch, sodass wir immerhin sieben Stunden am Rückflug geschlafen haben. Wir alle drei. 

Schließlich sperren wir um ca. 6 Uhr morgens die Türe in unserem Zuhause auf. Es ist ruhig in der Nachbarschaft. Es ist ja auch Feiertag in Österreich und noch früh am Morgen. Wir stellen das Gepäck ab und unsere Tochter fängt an, das Haus zu erkunden. Das erste, was sie sieht, ist ein roter Knopf. Spannend. Den muss man doch drücken. Kurz darauf lernt sie schon alle Nachbarn kennen. Am Feiertag um 6 Uhr morgens. Sie hat nämlich den Notfallknopf der Alarmanlage gedrückt.

 

Zu Hause muss weiterhin alles erkundet werden. Der Schlaf kommt für alle zu kurz. Viel zu aufregend ist alles. Die neue Heimat. Die neue Familie. 

 

Schlaf, Kindlein, schlaf – eine Schlafreise durch die ersten zwei Jahre 

 

4. Oktober 2021

"Beide" fleht unsere Tochter uns an. Unsere erste Nacht zu dritt ist exakt zwei Jahre her. Heute sollen Mama und Papa beide bleiben, bis sie schläft. Vorlesen, singen, kuscheln.  Das hat sie am liebsten und damit wir ja nicht zu früh aufstehen, werden wir fest umklammert. Ganz ganz fest. Das war nicht immer so....

Anfang November 2019 

Das Gitterbett – zugegeben es war noch von mir und somit nicht mehr ganz neu – ist kaputt. Zu viel gerüttelt, darin gesprungen, in Hysterie und Panik versteht sich, nicht aus Spaß. Ein neues Gitterbett kommt her. Wir schlafen beide neben ihr. Wenn sie nachts aufwacht, bekomme ich nach wie vor den schon mir vertrauten Marschbefehl. Aber seit einiger Zeit nicht um sie zu wickeln oder zu füttern, sondern um sie einfach in Papas Arme zu legen. Nur dann ist ein Weiterschlafen möglich. Aber wehe ich komme ihr näher. Gebrüll. Von A nach B bringen. Ja. Wickeln. Ja. Füttern. Inzwischen nein. Kitzeln und spielen. Ja, wenn sie gut gelaunt ist. Ins Bett bringen. Nein. Ihr die Hand beim Einschlafen halten. Nein. 

Der Fall ist klar. Wir gehören den 75% an, bei denen laut Studien die Papas anfangs klar bevorzugt werden. 

 

Anfang 2020 

Regelmäßige Night Terrors. Schweißgebadet mit weit aufgerissenen Augen sitzt unserer Tochter in ihrem Bett. Tritt um sich. Brüllt. Wir können nichts tun. Das dauert ein paar Minuten. Dann schläft sie wieder ein als wäre nichts gewesen. Das kommt immer wieder mal vor. 

Die Abendrituale sind etabliert. Vorlesen, herumtragen, vorsingen. Im Bett bleiben. Kuscheln mit Papa. Schlafen. 

 

Mitte Mai 2020 

Sie schläft in meinen Armen ein. Nicht ganz so eng wie beim Papa. Aber immerhin. Die letzten Monate ein Auf und Ab, mal darf ich die Hand halten beim Einschlafen, mal nicht. Mal werde ich klar rausgeschickt und rausgetreten, mal nicht. Immer häufiger wird währenddessen aber „Mama“ gebrüllt und immer sturer bleib ich einfach bei ihr, mit oder ohne Papa, mit teils guter, mit teils absolut schlechter Laune. Da muss sie durch. Und ich auch. Sie muss lernen mir zu vertrauen. Ich muss lernen, die Ablehnung nicht persönlich zu nehmen. Punkt. Egal, wie lang es dauern wird. 

 

August 2020 

Enger geht´s nicht. Enger geht´s wirklich nicht. So fühlt sich das also an. Sie schläft eng umschlungen bei mir ein. Ich bin im siebtem Himmel. 

 

Jänner 2021 

Jeden Abend Gebrüll ohne Ende. Wie an jenem 24. Oktober in Bangkok. Kurz vorm Kollaps. Wir wissen nicht weiter. Wissen nicht, was der Auslöser ist. So eine Angst vorm Einschlafen. Dabei sind wir da. Beide. Jeden Abend. Es ist herzzerreißend. Voller Verzweiflung und Angst rollt unser Kind über den Boden, tritt und brüllt aus Leibeskrsäften. Wurde sie nicht unlängst mal wach in der Nacht, als wir noch nicht im Bett waren? Die wenigen Sekunden, in denen sie allein ist, bis wir sie hören, reichen aus, um für weitere Tage und Wochen panische Angst beim Einschlafen zu verursachen. 

 

Sommer 2021 

Seit einem Jahr nun schläft sie hauptsächlich in meinen Armen ein, mit Papa meistens daneben.

Nächte wie im Jänner 2021 kommen immer wieder mal vor, aber wir wissen nun besser mit allem umzugehen und ihr mehr Sicherheit zu vermitteln. Night terrors sind selten geworden. Sehr selten. 

Vom Selbstbewusstsein, Beharrlichkeit, Orientierungssinn und Willen unserer Tochter…

 

„Papa, da abbiegen.“ Wir sind mitten im Nirgendwo auf dem Weg zum Wandern, wo wir schon mal einige Zeit zuvor waren. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich an die scheinbar unmöglichsten Abkürzungen, Wege und Orte erinnert.

Meine Mutter, meine Tochter und ich sind spazieren. „Mama, bis dann.“ „Warum? Ich gehe doch nirgends hin.“ Ach ja, vor einigen Wochen habe ich mich genau an dieser winzigen Weggabelung mal von ihr und Oma verabschiedet, um etwas zu erledigen. 

 

Wir sind auf einem großen Spielplatz mit einem langen Tunnel, in dem Kinder spielen können. Unsere 3-jährige Tochter verschwindet darin. Es gesellen sich drei Buben im Alter von ca. 7 Jahren dazu. Einer hält einen großen Stock in der Hand. Einige Minuten vergehen. Ich höre nichts. Ich beginne mir Sorgen zu machen. Soll ich da reinkriechen und lieber mal schauen? Da schießen die drei Buben plötzlich schreiend aus dem Tunnel, drehen sich um und kreischen „Aaaaahh, Killerpuppe“ und unsere kleine Maus jagt sie mit dem Stock überglücklich über den Spielplatz.

 

„Spielen?“ Sie steht fragend mit dem Sandspielzeug in der Hand vor irgendeinem wildfremden Buben am Strand in Griechenland. Er starrt sie an. „Spielen?“ wiederholt sie. Keine Reaktion. Das „Gespräch“ geht weiter. Irgendwann spielen sie stundenlang zusammen. 

 

Unser Mädl turnt auf dem Spielplatz herum. Da kommen zwei ca. 15jährige Turnerinnen und machen Übungen auf den Reckstangen und turnen auch auf dem Klettergerüst mit der Rutsche herum. Unsere Tochter stellt sich regelmäßig dazwischen, fragt die großen Mädls, ob es ihnen eh gut ginge und „geht´s eh?“ und bleibt solange interessiert stehen, bis diese sich liebevoll um sie kümmern, sie hochheben und ihr Übungen zeigen.

 

Unsere 4-jährige Tochter steht selbstbewusst zum Aufbruch bereit in aller Frühe – wir haben noch nicht mal einen Schluck Kaffee getrunken – vor uns in Griechenland und sagt: „Heute gehe ich surfen. Mit Schwimmflügerl. Weil ohne geht´s nicht.“ 

 

Unsere Tochter weiß, was sie will. Sie weiß auch oft, wie sie es bekommt. Ihren starken Willen darf sie sich ruhig behalten. Soll sie sich behalten. Dieser Wille hat ihr das Überleben schon mindestens einmal erleichtert. Damals, als sie die Trennung von der leiblichen Mutter verkraften musste. Oder als sie als Baby mehrmals im Spital war. Oder als zwei seltsame Gestalten, die sich Mama und Papa nannten, plötzlich vor ihr standen und sie einfach mitnahmen in ein neues Leben.

Ihre Sturheit und ihr starker Wille sind ihre Stärken, genauso wie ihre unbändige Neugier, ihre Wahrnehmungsfähigkeit und Wissbegierde. Ebenso ihre Fürsorge und ihre Fähigkeit, Nähe zuzulassen. Und ihre Fröhlichkeit, die soll ihr auch erhalten bleiben. Wenn sie lacht, dann lacht sie laut und herzlich. Dann lachen alle mit. Dann erwärmt sie unsere Herzen und bringt uns auch zum Lachen. Jeden Tag. Immer und immer wieder. Dafür lieben wir sie. Und weil sie uns täglich aufs Neue lehrt, was es heißt, Eltern zu sein. Weil sie uns Vertrauen entgegenbringt, unsere Nähe zulässt und uns jeden Tag aufs Neue zeigt, wie glücklich wir uns schätzen dürfen. Egal, wie erschöpft wir auch oft ins Bett fallen. Jeder Tag ist etwas Besonderes und kein Tag ist mehr ohne sie vorstellbar.

 

Not good, not bad, just different…

 

„Ist eigentlich jeder so verliebt in sein Kind?“ erinnere ich mich von Freunden gehört zu haben, die verliebt ihre damals 4jährige Adoptivtochter anschauten. So wie es frischgebackene Mamas mit ihren Neugeborenen tun. Dieser ganz eigene Blick, voller Liebe und Zuneigung. „Ich weiß es nicht“, sagte ich und denke jetzt oft daran, dass ich mich dasselbe frage. Wir schauen unsere Tochter an und staunen nur. So viel Glück konnten wir doch nicht haben. Oder doch? Wie konnte so ein toller, kleiner, energischer, neugieriger, lebensfroher Mensch seinen Weg zu uns finden?

Es gibt kaum ein Kind – sag ich halt jetzt als Mama so – das so eine starken Willen besitzt und so fürsorglich ist. Unsere Tochter ist die Erste, die mit jedem etwas teilen würde, die Erste, die bei einer Familienfeier jedem etwas anbietet, sich um alles kümmern möchte und noch Tage, gar Wochen später nachfragt, ob der Verwandte XY oder Nachbar eh wieder gesund ist. Sie besitzt eine ausgeprägte Neugier wie kaum ein anderes Kind. Im Alltag ist das Fluch und Segen zugleich. Wir sind eine sehr aktive kleine Familie und unternehmen sehr viel, achten aber dabei darauf, dass Morgen- und Abendrituale immer gleich sind. Das hilft dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Die Neugier unserer Tochter kann uns bei Ausflügen nicht mehr entgegenkommen. Sie liebt das Autofahren. Sie singt und schläft im Auto, schaut aus dem Fenster und nimmt alles Erdenkliche wahr, fragt danach oder sie beschäftigt sich mit Spielzeug, das immer in einem Rucksack mit dabei ist. Sie isst fast alles, hat keine Probleme damit, wenn das Mittagessen aus dem Rucksack kommt, liebt es, bei Outdoor-Aktivitäten dreckig zu werden, hinterfragt alles, erinnert sich an alles und jeden, nimmt jede Kleinigkeit wahr. Ein Traum, wenn es ums wandern, reisen und entdecken geht. Ein „Alptraum“ zu Hause. Alles wird geöffnet, sei es die Zahnpastatube, die Handcreme, das Kasterl, die Lade, die Flasche etc. Kindersicherungen? Ja, haben wir. Mehrere Modelle sogar. Alle hintereinander ausprobiert. Im Schnitt erklärte sie uns nach jeweils zwei Tagen, wie sie aufzubekommen sind. Damals im Alter von etwas mehr als 2,5 Jahren noch mittels Gesten, später dann mit den Worten „Warte kurz, Moment, ich zeig´s dir.“

 

„Klettert sie auch?“ fragt uns die Sozialarbeiterin im November 2019, als wir erst wenige Wochen zu Hause sind. „Wie, klettern? Auf die Kästen rauf? Nein, natürlich nicht!“….einige Monate später denken wir oft an diese Frage zurück, wissen nicht mehr, wie wir was sichern sollen und wissen nicht mehr, wie hoch hinauf mit allem, was sie nicht in die Hände bekommen sollte. Wissen nicht mehr, wie wir Energie- und Aktivitätslevel minimieren können. Sämtliche gängige Erziehungsmethoden, ihr ein „Nein“ beizubringen, scheitern kläglich. Es erfordert andere Techniken und Geduld, die wir oft selbst nicht mehr ausreichend besitzen, um hier eine Besserung zu erzielen. Natur, ja so viel wie möglich draußen sein. Bei jedem Wetter. So lange wie möglich. Frei von jeglicher Reizüberflutung….das hilft.

 

Und alles ist Reizüberflutung. Alles, wenn man zuvor im Heim war. Jedes Spielzeug, jeder Sticker, jede Dekoration, jedes unnötige Geschirr, die Geräusche aus Radio und Fernsehen, die bunten Werbeplakate oder Prospekte in der Stadt, die vollen Regale in einem Geschäft. Alles, einfach alles. Irgendwann stoße ich auf den Konnex zwischen Hyperaktivität und Trauma. Gezielt erarbeiten wir uns nun ein Konzept für zu Hause, das noch mehr Natur, noch mehr ruhige Musik, noch mehr Beruhigungstechniken aus der Ergotherapie, noch mehr ruhige Aktivitäten umfasst. Es wirkt. Und zwar recht schnell. Bald spielt sie immer länger mal alleine und vor allem konzentrierter, vor allem dann, wenn sie sich unserer Ruhe und Präsenz gewiss sein kann. Wenn wir zu tun haben oder einer nur etwas erledigen möchte, ist Nervosität spürbar. Dennoch, es wird von Woche zu Woche einfacher. Alles in Kombination mit mehr Freiheiten, die wir ihr zugestehen und mehr Reflexion unsererseits. 

 

Ja, wir waren und sind stellenweise überfordert. Sehr sogar. Und ja, wir haben Fehler gemacht – und machen sie noch. Das konnte bzw. kann aber nicht nur an unserer Tochter liegen. Schritt für Schritt haben wir uns auf eine Reise in unsere eigene Kindheit begeben. Vieles losgelassen, das wir nun gar nicht unbedingt weitervermitteln müssen. Unser Kind darf halt manches, das wir nicht durften und umgekehrt. Es ist unser Familienalltag. Wir leben ihn. Zu dritt. Es muss für alle passen. Die Herausforderungen sind mitunter andere als bei leiblichen Kindern. Aber weder unsere Tochter, noch wir, noch unsere Erziehung oder unser Familienalltag sind besser oder schlechter als es bei anderen der Fall ist. Nur anders vielleicht. Weil Adoptivfamilien eben ein wenig anders sind. Not good, not bad, just different.

 



Warten auf ein Kristall

Weihnachten steht vor der Tür. Das dritte Mal dürfen wir es mit unserer Tochter feiern. Unsere Tochter wird bald fünf Jahre alt. Ihre ersten beiden Weihnachten verbrachte sie in Thailand in einem Heim. Wir kannten sie nicht und sie kannte uns nicht. Jetzt sind wir eine unzertrennliche Familie. 

 

Der Brief ans Christkind ist geschrieben, Kekse werden gebacken, Basteleien dekorieren das Haus. Die Vorfreude ist groß. Die großen, fröhlichen Augen unserer Tochter erleuchten jetzt schon das Weihnachtsfest. Ihr thailändischer Name heißt übersetzt Kristall. Und das ist sie auch für uns. Ein wertvoller Schatz, den wir nie wieder loslassen werden, der täglich funkelt und gut aufgehoben sein möchte. Ein Schatz, der sich geborgen und in Sicherheit wiegen will. Wie jedes andere Kind auf dieser Welt auch. Denn jedes Kind ist ein leuchtendes Kristall. 

 

Adoptiveltern sind sich dessen besonders bewusst. Sie haben einen langen Weg hinter sich, bis sie Weihnachten als Familie feiern dürfen. Häufig geht der mehrjährigen Wartezeit in einem Adoptionsverfahren eine mühsame, nervenaufreibende Zeit geprägt vom unerfüllten Kinderwunsch voraus. Vielfach – wenn auch nicht in jedem Fall – gefüllt von Untersuchungen, Arztbesuchen, Hoffnung und Trauer. 

 

Vor einigen Jahren, zu Beginn der etwas anderen Eltern-Bastelzeit und in der naiven Gewissheit, das damalige Weihnachtsfest mit einem neugeborenen Baby im Arm zu verbringen, stolperte ich über einen Artikel, der den acht Jahre langen Weg zur Adoption eines Pärchens schilderte. Ein Seufzen entfuhr mir. Wie bitte könne man denn acht Jahre Kinderwunsch aushalten und warum denn bitte finden „diese“ Leute keinen Weg, schneller zu einer Adoptivfamilie zu werden? Sechseinhalb Jahre Kinderwunsch, davon die Hälfte auf der Warteliste für eine internationale Adoption haben mich eines Besseren belehrt. Ja, man kann diese Zeit überstehen. Und nein, man kann den Prozess nicht beschleunigen. Zunächst braucht es Zeit, sich über die Entscheidung zur Adoption klar zu werden und dann muss man eben warten. Wir hatten Glück. Wir warteten sogar „nur“ etwas mehr als drei Jahre. Und jeder einzelne Tag Warten hat sich gelohnt. 

 

Ist jeder Tag wie Weihnachten? Nun, ja und nein, wie in jeder anderen Familie auch. Natürlich sind wir jeden Tag dankbar und glücklich über unser fröhliches Mädl, dankbar der Bauchmama gegenüber, dass sie unserer Tochter das Leben geschenkt hat. Dennoch sind wir auch oft erschöpft, vielleicht sogar etwas mehr als andere (frisch gebackene) Eltern, denn auch Begriffe wie Frühtraumatisierung oder Bindungsaufbau und deren weitreichenden Bedeutungen haben nun Einzug in den Alltag gefunden. Vieles ist herausfordernder als je erwartet, aber – und das ist wichtiger – das meiste ist einfach viel schöner und viel überwältigender als wir es uns je hätten vorstellen können.  

 

Wer meint, dass bei der Adoption älterer Kinder die vielen „Ersten Male“ fehlen, der täuscht sich. Denn neben ersten Erfolgen im Radfahren, Baum klettern, Schwimmen, beim Sprechen oder Musizieren, ist es vor allem die erste innige Umarmung, das erste „ich hab dich lieb, Mami“, welches das Mutterherz erwärmt. Auch wenn man mitunter etwas darauf warten muss. Schließlich muss das Adoptivkind auch erst lernen, wem man vertrauen kann. Warten, geduldig sein, einen Schritt weitergehen. Und dann den nächsten Schritt. So gestaltet sich das Leben von werdenden und frisch gebackenen Adoptivfamilien. Warten will und kann gelernt sein. 

 

Und wir warten nun wieder. Aufs Geschwisterchen. Aufs zweite Kristall, das Weihnachten in ein paar Jahren sogar noch heller zum Leuchten bringen wird. 

 

 


„Wann kommt denn endlich das Taxi“?
 
Endlich! Ich kann es nicht glauben. Solange habe ich darauf gewartet. Reisen! Wieder reisen! Ich liebe das Reisen! Die Pandemie hat uns allen viel abverlangt. Manchmal glaub ich allerdings, dass uns die Einreiseverbote zugutegekommen sind. Wir sind nämlich immer so gern gereist, dass wir voller Freude und Enthusiasmus auch gleich unsere Maus mit an Board nehmen wollten. Womöglich wäre es ihr aber doch im ersten Jahr zu viel geworden. Das Einleben bei uns hat ihr gutgetan. Und ich hatte genügend Zeit, sie aufs Reisen einzustimmen. Griechenland durfte sie bereits im ersten und zweiten Jahr kennenlernen. Nun aber ist es soweit: die erste große gemeinsame Fernreise: 

Mexiko!!
 
„Wann kommt denn endlich das Taxi“? Wir stehen bei Minusgraden Ende Jänner vor unserer Garage. Neben uns viel Gepäck. Sehr viel, denn wir haben auch ein aufblasbares Stand Up Paddle Board mit. Ich schaff es sowieso nie, mit wenig Gepäck zu reisen. Schon gar nicht bei der ersten Fernreise mit unserer knapp 5 -jährigen Tochter. Ein kleiner Rucksack voller Spielzeug ist auch dabei. Lego, Plastilin, Stifte, Malbücher, 3 Ponys, Kuscheltiere, Sandspielzeug, ein Ball und bestimmt noch weiteres, das sie schnell noch dazugepackt hat. Ungeduldig warten wir. Können es kaum erwarten, loszufliegen. Da biegt das Taxi um die Ecke. Die Reise beginnt und bereits am Gate kurz vor Boarding fühle ich mich losgelöst. So wie so oft am Flughafen. Frei vom Alltag. Unsere Tochter turnt mit einem etwas jüngeren Mädchen auf den Sitzen herum. Dann haben wir Boarding. Es wird ein langer Flug. Unsere sonst so aktive Tochter schafft es dank Bord-TV und Malbüchern halbwegs still zu sitzen. An Schlaf denkt sie allerdings all die 12 Stunden nicht. Auch in der ersten Nacht entschließt sie sich dazu, es den Erwachsenen gleich zu tun und trotz Schlafmangel an Jetlag zu leiden. So sitzen wir also um drei Uhr morgens in Puerto Morelos, nahe Cancun und essen die Reste eines Guglhupfs und Erdnüsse aus dem Flieger. Dann malen wir. Dann schlafen wir wieder ein. Dann gehen wir zum Sonnenaufgang an den Strand. Unsere Maus liebt Strand und Meer. Wer denn eigentlich nicht?! Am Nachmittag holen wir unser Auto ab, das für die nächsten Wochen unser treuer Begleiter sein wird. Und auf geht´s. Im Durchschnitt verbringen wir jeweils fünf Nächte an acht verschiedenen Orten. Mexiko gefällt uns. Und vor allem gefällt es unserer Reisemaus. Wir haben die Strecke so geplant, dass nur kurze Fahrtzeiten zwischen den Orten zu bewältigen sind. Es sind trotzdem immer ganze Reisetage. Warum? Weil es tatsächlich keinen Mangel an Spielplätzen in Yucatan gibt. Schon bald wissen wir, wenn wir eine Kirche sehen, ist auch ein Spielplatz nicht weit entfernt. Und wenn der dann auch noch schattig ist, dann gibt es kein Entkommen. Gut so. „Hola!“. Sie geht auf die anderen Kinder zu und ist Teil von ihnen. Aber auch die Zeit zu dritt ist nicht langweilig. Das Stand Up Paddle Board wird zum Surfboard umfunktioniert. Mit Schwimmflügerln surfen. Das geht, ist echt cool!
 
Zu meinem Geburtstag werden 39 Sandkuchen gebacken. Besser kann ein Geburtstagskuchen ja gar nicht sein. Und auch unsere Reisemaus darf noch in Mexiko Geburtstag feiern. 5 Jahre ist sie nun schon alt! Und kann voller Stolz behaupten, ein Surfer Girl zu sein. Luftballons und Kuchen gibt es noch dort. Zu Hause in Österreich gibt es dann das Hauptgeschenk: ein „Keksboard“ (= Skateboard“). Aber das ist eine andere Geschichte.
 
 
 
 

Halbzeit!

 

Diesen Tag gibt es nur einmal. Es ist jener Tag, an dem für das neue Familienmitglied – dem Adoptivkind aus dem Ausland– „Halbzeit“ ist: die erste Hälfte seines bzw. ihres Lebens im Ursprungsland, die zweite Hälfte im neuen Zuhause, bei der neuen Familie. Prägend sind beide Hälften. Und beide für immer.

Unser Resümee? Die 2 Jahre und 7 Monate sind verflogen. Dass wir nun auch schon 1 Jahr und 1 Monat aufs Geschwisterchen warten ist ebenso kaum zu glauben. Viel schneller vergeht uns diesmal die Wartezeit. Zu ausgefüllt sind die Tage nun. Ganz anders als damals, als wir noch kinderlos waren. Aber immer öfter bekommt das Geschwisterchen seinen Platz in unseren Gesprächen. Und wir alle freuen uns schon, wenn das kleine Brüderchen oder Schwesterchen seine erste „Halbzeit“ beendet und nach einem Anruf zu uns wechselt.

Doch wie erging es der großen Schwester in den vergangenen 2 Jahren und 7 Monaten? Und wie erging es ihren frisch gebackenen Adoptiveltern? Ja, frisch gebacken. So fühlen wir uns immer noch. Dabei haben wir schon vieles gelernt. Glauben wir zumindest. Vieles, was uns beim Geschwisterchen helfen könnte. KÖNNTE, denn natürlich ist jedes Kind anders.

Ja, so ist das. Die Gedanken springen schon mehr und mehr hin und her. Zwischen dem Kind, das hier sein Zuhause gefunden hat und dem zweiten, das irgendwann mal ebenso unser Haus und unsere Familie sein Zuhause nennen wird. Was wird anders sein? Was wird ähnlich sein? Wir wissen es nicht. Vermutlich wird das meiste ganz anders sein. Und das ist in Ordnung so. Ganz einfach, weil jedes Kind seine Herausforderungen und natürlich außergewöhnliche Besonderheiten im positiven wie im – nennen wir es forderndem – Sinne mitbringen darf und soll.

Herausforderungen hat es gegeben in den vergangenen 2 Jahren und 7 Monaten. Danach gefragt welche das wären, würde ich nun spontan antworten: Einschlafprobleme, Kontrolle und stressbedingte Hyperaktivität. In den ersten Monaten hätte ich wohl das Wörtchen „stressbedingt“ weggelassen. Dabei ist es so wichtig. So unendlich wichtig. Zu lernen und mitzuerleben, was beim Kind Stress auslöst, um diesen dann möglichst zu reduzieren bzw. Stresssituationen vorzugreifen, war wohl einer der wichtigsten Aspekte für ein ruhigeres Miteinander und einfacheren Einschlafsituationen. Was unter „Stress“ zu verstehen ist, ist individuell verschieden. Das kann der allseits für Stress bekannte Zeitdruck sein, wenn sich ein Termin der Eltern und/oder Kinder an den nächsten reiht, kann aber auch einfach die Tatsache sein, dass Mama und Papa mal beim Abendessen miteinander reden möchten. Nur kurz wenigstens. Auch wie sich Stress äußert, ist individuell anders. Bei einem ist es vielleicht Hyperaktivität, beim anderen Tobsuchtsanfällen, beim dritten hemmungslosen Weinen und Klammern.

Die oben genannte Kontrolle geht bei alledem miteinher. Denn eines ist sicher. Alle diese doch recht fordernden Verhaltensweisen haben für das Kind den Vorteil, absolute Kontrolle über die Eltern einzufordern. 

 

Aber kein Grund zur Panik. All das findet sich in jeder Familie in der einen oder anderen Form. Ich würde nur sagen, bei Adoptivfamilien ist es womöglich bunter durchmischt, intensiver und hartnäckiger und verdient etwas mehr Beachtung. 

 

Allerdings gibt es auch noch etwas anderes, das bunter, intensiver und hartnäckiger ist. Und das sind all die ersten Male, die wir mit unseren Kindern erleben dürfen und die vormals ungewollt kinderlose Paare niemals als selbstverständlich sehen. Was hat sich also hier getan in den vergangen 2 Jahren und 7 Monaten? Das ERSTE Mal: 

Roller fahren, Radfahren, Stand Up Paddeln, Kayak fahren, Boot fahren, Zug fahren, U-Bahn fahren, Bus fahren, Tuk-Tuk fahren, mit größeren und kleineren Flugzeugen fliegen, auf größere und kleinere Berge wandern, Skateboard fahren, Rollschuhfahren, Schwimmen, Schnorcheln, dem Christkind einen Brief schreiben, Ostereier färben, Ostereier suchen, den Nikolo klopfen hören, sich als Halloween Geist verkleiden, Steine bemalen, Kokosnüsse bemalen, Feuersalamander entdecken, Spinnen aus der Sandkiste retten, von einer Biene gestochen werden, Ameisen beobachten, Zecken entfernen, das erste Wort lesen können, usw.

 

Und das schöne an diesen ersten Malen? Sie wiederholen sich in immer anderer Form. Unglaublich ist es für mich manchmal, dass bereits unser drittes Osterfest hinter uns liegt. Unser drittes Weihnachten ebenso. Schon drei Geburtstage durften wir gemeinsam feiern. Gut, „nur“ drei von fünf. Aber das macht nichts. Denn ab jetzt überschreiten wir die Halbzeit und gehen sozusagen in „Vollzeit“, wobei Thailand und die ersten 2 Jahre und 7 Monate immer, aber auch wirklich immer, die Basis bleiben wird.